Waldperlacher Kreis


Angst (und Fremd)


Ankündigung:

 

Liebe Philosophieinteressierte,

anknüpfend vor allem an unseren Zyklus über das Fremde hat sich in der Diskussion zum nächsten Zyklusthema der Begriff der Angst heraus kristallisiert. Diesen Begriff wollen wir in seinen unterschiedlichen Facetten diskutieren.

Zur Einstimmung schicke ich Ihnen hier den Artikel 'Angst' aus dem 'Handbuch der philosophischen Grundbegriffe' (München 1973, Band 1, S.90-99), auch wenn dieser Artikel nicht wirklich einfach (aber auch nicht wirklich schwer – also keine Angst!) und vor allem auch ziemlich lang ist. Es soll uns nicht zwingend als Gesprächsgrundlage dienen, aber er erschient als gute Beschreibung des philosophischen Horizontes des zur Diskussion stehenden Themas.

Wir treffen uns wieder Dienstag ab 19:30 Uhr im Nachbarschaftstreff Waldperlach, erstmals am 16. September 2014.

 

Hier stelle ich als Diskussionsgrundlage für das nächste Treffen ('Angst und Satire') am 3. Februar den SZ-Artikel bzw. das Interview mit Michel Wieviorka vom 19. Januar zur Verfügung. Außerdem die satirischen Zeichnungen, die ich zu unserem ersten Treffen am 20. Januar mitgebracht hatte.

Dann findet sich hier ein Link zu der Charlie Hebdo vom 14. Januar (kostenlos auch im iTunes-Zeitungsladen). Die Datei ist zu groß, um sie per eMail zu verschicken.

Eine m.E. gelungene Satiresendung war am 17.1. im WDR: Extraausgabe der Mitternachtsspitzen.

 

Rundbrief 2.3.2015:

Hallo zusammen,
lange habe ich ich nicht gemeldet zu dem morgigen Treffen. Das lag einerseits daran, dass ich eine halbe Ewigkeit mit der Grippe mich herumgeschlagen habe, andererseits daran, dass ich nicht recht wusste, wie mit dem Thema 'Angst und Satire' weiter machen, nachdem inzwischen das Internet voll ist mit Zionismus-Vorwürfen an Charlie Hebdo und angeblich die Familie Rothschild bereits im Dezember 2014 die Zeitschrift aufgekauft hatte. Ich denke, für unsere Diskussionsrunde kommen wir momentan auf der Verschwörungstheorie-Ebene nicht recht weiter. Deshalb schlage ich für den nächsten Abend eine Auseinandersetzung im Horizont der Grundformen der Angst, wie sie Fritz Riemann beschrieben hat (1961), vor. Wenngleich es sich hier um eine tiefenpsychologische Studie handelt, ordne ich dieser Arbeit doch einen philosophisch-anthropologischen Horizont zu. Im Anhang findet sich eine aus dem Internet 'geklaute' Zusammenfassung der Grundaussagen zur Einstimmung in die Diskussion.
Herzliche Grüße
Wolfram von Berg

 

Rundbrief vom 15.3.2015:

Hallo zusammen,
als wir beim letzten Treffen uns mit Riemanns Grundformen der Angst beschäftigten sind wir im Laufe des Abends zu einem Aspekt vorgedrungen, den wir für das kommende Treffen ins Zentrum rücken wollten: Was hat es auf sich mit dem 'Denken des Undenkbaren'. Diese Fragestellung kann sich durchaus auf unser Schwerpunktthema der Angst selbst beziehen, stand aber bei letzten Treffen vor allem in Bezug auf die (auch von Riemann propagierte) Überwindung der Angst, die zumindest in der bewussten Vornahme in zunächst Undenkbares führt.  Auf der gesellschaftlichen Ebene konkretisierte sich das z.B. in der 'Vorstellung' einer Welt ohne Geld.
Bis zum Dienstag mit vielen Grüßen
Wolfram von Berg

 

Rundbrief vom 5.4.2015:

Hallo zusammen
und Frohe Ostern!
Ich habe ein 'Osterei' gefunden für unseren nächsten Abend am 14.4., d.h. ich bin mir gar nicht sicher, ob ich es gefunden habe, denn es versteckt sich vielleicht in dem Text (Anlage). Oder ist der dort aufgemachte Vergleich tatsächlich nicht nur denkbar, sondern erlaubt?
Viele Grüße
Wolfram von Berg

 

Das Gesetz des Campingplatzes

Der Oxforder Philosoph G. A. Cohen und sein letzter Essay

G. A. COHEN: Why not Socialism? Princeton University Press, Princeton 2009. 92 Seiten, 13 Euro.

Cord Schmelzle, SZ 25.11.2009

Stellen wir uns vor, wir wären mit einer größeren Gruppe auf einem Campingausflug. Nach welchen Prinzipien würden wir unsere ökonomischen Verhältnisse ordnen? Würde jeder seinen Talenten entsprechend einen Teil der anfallenden Arbeiten erledigen oder dafür lieber einen gewillten Mitreisenden anstellen? Würden die mitgebrachten Bratpfannen und Angelruten stundenweise vermietet oder für die Dauer des Urlaubs sozialisiert? Und würden die erfolgreichen Angler ihren Fang an die übrigen Ausflügler verkaufen oder ihn für ein gemeinsames Mahl stiften? Die Antwort auf diese Fragen scheint klar: Jeder halbwegs vernünftige Zeitgenosse würde einen solchen Ausflug nach sozialistischen Prinzipien organisieren und die Idee einer kapitalistischen Campingökonomie für so absurd wie anstößig halten.

Mit diesem Gedankenexperiment beginnt der Anfang August verstorbene Philosoph Gerald Allan Cohen seinen letzten Essay "Why not Socialism?". Das Buch ergänzt die aktuellen Debatten um die Krise des Kapitalismus um eine entscheidende Komponente: die ernsthafte Auseinandersetzung mit den Alternativen. Cohen fragt ganz grundsätzlich: Ist Sozialismus überhaupt ein wünschenswertes Ideal, und wenn ja, lässt es sich verwirklichen? Der Text ist dabei gänzlich frei von der allgegenwärtigen Managerschelte und den wohlfeilen Bonuslamenti. "Why not Socialism?" ist vielmehr der Versuch, die Ergebnisse seiner lebenslangen Auseinandersetzung mit den Idealen des Sozialismus einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.

Wenn der Sozialismus uns auf dem Campingplatz als das natürlichere und gerechtere System erscheint, was spricht dann auf der Makroebene gegen ihn? Die Präzisierung und Beantwortung dieser Frage nimmt den Rest des schmalen Bändchens ein und bildet zugleich die denkbar pointierteste Zusammenfassung von Cohens philosophischem Werk: Es geht um Gleichheit, Freiheit und den von Realisierungsbedingungen unabhängigen Wert moralischer Ideale, den er zuletzt in seiner 2008 erschienen Studie zum Gerechtigkeitsbegriff "Rescuing Justice and Equality" furios verteidigte. Gleichheit und soziale Gerechtigkeit als die Lebensthemen Cohens zu bezeichnen, ist keine Übertreibung: 1941 in Montreal geboren, wuchs Cohen in einem kommunistischen Elternhaus auf und blieb Zeit seines Lebens überzeugter Sozialist. Als Professor für politische Theorie in Oxford gehörte das gemeinsame Singen von Arbeiterliedern zu den didaktischen Besonderheiten seiner Lehrveranstaltungen. Ein Buch über den Sozialismus von diesem Autor glänzt also kaum durch Ausgewogenheit, sehr wohl aber durch Witz und Leidenschaft.

Den normativen Kern des Sozialismus machen Cohen zufolge zwei Prinzipien aus: Zum einen eine radikal verstandene Chancengleichheit, die alle nicht von den Akteuren zu verantwortenden Ungleichheiten aufgrund angeborener sozialer Positionen und natürlicher Talente auszugleichen sucht. Zum anderen ein Ideal der Gemeinschaftlichkeit, das spätere, auf purem Glück oder Pech basierende Ungleichverteilungen korrigiert. In einem zweiten Schritt fragt Cohen, ob dieses so explizierte sozialistische Ideal wünschenswert ist. Die Antwort fällt allerdings zu knapp aus: Der liberale Einwand, dass Personen ein Recht auf den freien Gebrauch ihrer Talente haben, ist Cohen lediglich die Entgegnung wert, dass der Kapitalismus größere Unfreiheit als der Sozialismus erzeuge und deswegen das Freiheitsargument nicht in Anspruch nehmen könne. Hier hätte man gerne mehr gewusst, zumal der Autor der Frage mit "Self-Ownership, Freedom and Equality" ein Buch gewidmet hat.

Aber lassen sich die sozialistischen Prinzipien, so wünschenswert sie auch sein mögen, ohne Verlust des gewohnten Lebensstandards überhaupt vom Zeltlager auf komplexe Gesellschaften übertragen? Während Cohen zuversichtlich ist, dass sich die Informationsfunktion des Marktes auch in sozialistischen Systemen simulieren ließe, gibt er zu bedenken, dass der Sozialismus noch kein Motivationssystem gefunden hat, das der kapitalistischen Mixtur aus "Gier und Angst" ebenbürtig ist. Das Problem des Sozialismus schrumpft damit zu einem "Problem der Sozialtechnologie", die (noch) nicht in der Lage sei, Gerechtigkeitssinn und Gemeinschaftsorientierung für das ökonomischen Leben nutzbar zu machen. Dieses Problem ändert aber nichts an Cohens Fazit, dass der Wert des sozialistischen Ideals nicht von seiner unmittelbaren Realisierbarkeit abhängt. Es müsse auch dann handlungsleitend sein, wenn nicht klar ist, wie es verwirklicht werden kann.

Hier offenbart sich ein zweites Problem des Buches: Cohen ist offenkundig wenig interessiert an sozialwissenschaftlichen Aspekten seiner Fragestellung. Das hehrste Ideal nützt jedoch wenig, wenn keine Möglichkeit zu seiner Verwirklichung besteht. Darüberhinaus verkennt Cohen, dass moralische Motive sehr wohl einen Platz innerhalb des marktwirtschaftlichen Systems haben. Für die Mängel wird der Leser jedoch entschädigt: Cohens analytische Klarheit, seine Jargonfreiheit und sein Witz machen "Why not Socialism?" zu einer kurzweiligen antikapitalistischen Kopfwäsche.