Philosophischer Gesprächskreis 2017


1. Zyklus 2017: Sprache


 

Ankündigung:

 

 

Zumindest heute ist Welt sprachlich strukturiert und

 

Sprache

 

ist das Medium der Verständigung (hierüber).

 

Als heute subjektzentrierte Aneignung von Welt führt
Sprache immer wieder zum Bruch der Kommunikation.
Wie geben wir den Worten Bedeutung?

 

Die Grammatik der Verständigung in Worten
ist komplex und problematisch
wie die Verständigung ohne Worte.

 

Eindeutige umfassende Regeln sind nicht festlegbar.

 

Ist die Dominanz des Sprachspiels der Erklärung
gegenüber dem des Verstehens besiegelt?

 

Hilft Poesie? Und wie ist ihr
interpersonales Verstehen zu entlocken?


Die nächsten Termine

3., 17. und 31. Mai,

28. Juni,

12. Juli 2017


 

Diskussionsverlauf:

 

T: Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt

 

Verweis auf Wittgenstein (zwei Philosophien)

 

Sprache dient der Verständigung
Sensibilität und Ruppigkeit der Sprache

 

Jenseits der 'Lautsprache' auch Sprache?

 

T: Sprache ein Mittel zum Zweck – Medium

 

Private Sprache: Sich nicht von allgemeiner okkupieren lassen; Intension Verständigung?
Für sich allein / für kleine Gruppe (Zwillinge, Mutter-Kind)

 

Illusion des Verstehens?
Voraussetzung des 'Verstehen ist möglich' als Möglichkeit
T: erste Lebensjahre: Verständigung untereinander bestens, dann Überformung (gesellschaftlich) des Sprechens überhaupt

 

T: (Sapir&Whorf) Sprache prägt das Denken

 

Überforderung durch Begriffe, wenn die Erfahrung dafür nicht vorhanden ist?
Welt vermittelt durch Be-Greifen oder durch Sprachvermittlung der Eltern

 

Bedeutung der Verschriftlichung der Sprache (kollektive Leistung)

 

T: Unaussprechliches soll nicht ausgesprochen werden ('ich liebe dich')

 

Allgemeinverbindliche Basis der Sprache, z.B. Vernunft
Sozialisationsregeln, die nicht zur Debatte stehen (Bsp. Arztbesuch)

 

In der Sprache zu Hause sein (> Heidegger)

 

'Wesen' der Sprache > Sprache als Subjekt > zweckfreie Sprache?

 

Sprache im weiteren Sinne – Kommunikation
Sprache im engeren Sinne – verbale Sprache


Gestik und Sprache gemeinsam: Vereinbarung, was wie zu verstehen ist

Was bringt es uns, dass wir (verbal) sprechen können?
'Sprechen' Tiere miteinander? (Kommunikation liegt vor)
80-90% nonverbal? (unbewusst / unwillkürlich)
Angelegt auf Missverständnisse > T: Worte können lügen, der Körper nicht > T in Bezug auf Körper: Hier wird das Wesentliche erfasst / mitgeteilt
Allgemeingültige Gesten / Mimik: Angst, Freude, Ekel … (dennoch: Angeboren oder erworben?)

 

Sprache ist etwas Entfremdetes und die Entfremdung steigt mit den heutigen Möglichkeiten
Sprache ist eine Störung der Kommunikation
Störungsmöglichkeiten durch Sender (Gesagtes und Gemeintes) und Empfänger (Gehörtes und Verstandenes)

 

Bedeutung des Schweigens

 

Schrift blendet Gestik und Mimik aus

 

Gefühlsebene und soziale Ebene – gehen gut nonverbal / Bedeutung der Abstraktion
Unterschied Vereinbarung durch Handschlag / Vertragstext mit Unterschrift

 

Sprache als Machtmittel
Sprache als Erkenntnismittel (> Privatsprache?) / Sprache als smalltalk

Sprache als Mittel, Gesellschaft zu spalten – Intellektuellensprache nicht der einzige Betreiber, Jugendsprache als Abgrenzung
Vielfalt der Sprachwelten

 

Problem Integration Flüchtlinge – sollen deutsch lernen

 

- Gipfel der Aufklärung: Hypothesen wie die von Sapir&Whorf bzw. von Bernstein, denen zufolge elaborierte Sprache die Grundvoraussetzung für vernünftiges Denken bildet und schon zu Zeiten der kindlichen Entwicklung geistig Privilegierte und Unterprivilegierte trennt

 

- aber der Zeitgeist wie auch die Mehrheit in unserem Kreis will v.a. darauf hinaus, dass wie beim Eisberg sechs Siebtel des Kommunikationsprozesses nun mal nicht oben im Licht der kontrollierten Gedanken stattfindet, sondern unten im Dunkel der unkontrollierten Gefühle

 

- thematisiert wird z.B. die “unverfälschte” sprachliche Kommunikation der Kinder, von denen wir noch etwas lernen könnten, oder der erste Gesamteindruck, welcher blitzschnell entsteht und schwerer wiegt als die noch so wohlformulierten Worte danach

 

- thematisiert wird aus aktuellem Anlass auch immer wieder die politische Sprache, welche abseits von Vernünftigkeit und Redlichkeit zu den Mitteln der Lüge, Provokation, Beleidigung, Einschüchterung etc. greift und damit eher an die Emotionen als an die Ratio des Bürgers appellieren will ( Stichwort “postfaktisch”)

 

- Unterscheidung verschieden stark reduzierter Sprachebenen: von der Live-Kommunikation unter Beteiligung aller Sinne bis zur telegraphierten Morsezeichen-Folge; auf halbem Weg dazwischen z.B. der Hörfunk

 

- Kritik an bis heute üblichen sprachlichen Unterrichtsmethoden aus dogmatischeren Zeiten (Nachsprechen, Auswendiglernen etc.), sie sollen die Menschen unmündig halten, vgl. Gottesdienste

 

- These: wir begrenzen kräftige Sprachbilder schon in der Erziehung der Kinder, wenn diese sich nicht gegenseitig ihre unverblümten Ansichten voneinander an den Kopf werfen dürfen

- Gegenthese: Kultur ist v.a. die Erziehung zur Impulskontrolle

 

- These: Sprache ist euphemistisch, ist von vornherein so gebaut, dass man die Welt damit nur schönreden kann; Gegenthese: heute wird alles schlechtgeredet, only bad news are good news

 

- Wer darf eigentlich seine eigenen Begriffe in die Sprache einführen? Beispiel: Neologismen von Sloterdijk

 

- Wozu sprechen wir? Suchen wir Verständnis oder Anerkennung? (Vielleicht nehmen wir mit Letzterer vorlieb, weil Ersteres eh illusorisch ist?)

 

- These: bei Sprache geht es immer um die Durchsetzung von Macht, Sprachverzicht ist Machtverzicht

- Gegenthese: Wer schweigt, verunsichert den anderen - zumindest Smalltalk dient eher der gegenseitigen Beruhigung “Wir sind uns nicht feindlich gesinnt, wir tun uns nichts”

 

- Smalltalk ist ein Spiel - seit ich den Smalltalk nicht mehr ernstnehmen muss, habe ich nichts mehr gegen ihn einzuwenden

 

- Wer schweigt, will nicht übersehen werden, sondern gerade als der wahrgenommen werden, der schweigt

 

- Sprachgläubige vs. Sprachskeptiker: letztere halten evt. gerade das Unaussprechliche für das Wesentliche

 

- Assoziation dazu: Karl-Otto Apels Unhintergehbarkeit der rationalen Argumentation, zit. "wer das Apriori der Verständigungsgemeinschaft zur Illusion erklärt, bestätigt es zugleich dadurch, dass er noch argumentiert"

 

- These: als moderner Naturalist kann ich den Sprachgebrauch des Wortes Natur wie etwa in “Natur im Garten” nur noch als falsch empfinden

- Gegenthese: Wortbedeutung variiert stark, erschließt sich i.a. erst aus dem Kontext (holistische Perspektive); mit einer strengen Festlegung der Wortbedeutung (atomistische Perspektive) bliebe man weit unter den Möglichkeiten von Sprache

 

Bisher: Sprache wird hauptsächlich kritisiert (Philosophen freut es, endlich einmal kritisch mit ihrem Werkzeug umgehen zu können)
Aber ist es nicht umgekehrt?

 

Wenn ich Begriff für etwas habe, habe ich Macht darüber (> Rumpelstilzchen)

 

Bedeutung der Emotionalität in der Sprache, die im Bereich Populismus 'pervertiert' wird

 

T: Schrift gibt die Möglichkeit, Verhalte außerhalb meines Gehirns zu speichern > Verlust der Merkfähigkeit

 

Sprache als Anerkennung und als Anker

 

Sprache als Bedeutungsträger vs. Worthülsen

 

Universalismusstreit

 

Bedeutung der Technik für Sprache (Wortsuchemöglichkeiten in Computer und Internet)

 

T: Sprach ist Voraussetzung für Technik UND umgekehrt

 

Ist Sprache materialistisch?

 

Bedeutung der Sprache zur Schaffung/Etablierung von Gemeinschaft > Naturemanzipation

 

Individuelle Verständnisunterschiede
Aber: Ich gehe davon aus, Gehörtes/Gelesenes (richtig) verstanden zu haben
Erstaunlich, innerhalb welcher Ungenauigkeit wir uns gut genug verstehen (Ungenauigkeit systemimmanent?)


Sprache erfordert Reflexion (denkend, fühlend) – was will der andere mir sagen?

 

Sprachebenen höher / tiefer
Zuhören – in eigenen Worten wiedergeben – eigene (kontroverse) Gedanken entwickeln – Sicht eines Nichtanwesenden wiedergeben (können)

 

T: Sprache als kulturelle Leistung in Verbindung mit Triebverzicht

 

T: In Beziehungshaftigkeit des Menschen ist Sprache nur Indiz

 

Sprache als 'Erklärungszwang – weil Gestik, Verhalten nicht ankommt, ausreicht

 

Vergrößerung des Radius der Mitteilbarkeit > Schrift

 

Vereinfachung der Informationsweitergabe durch Bilder/Symbole in 'überwörtlichem' Sinn

 

- Sind wir natur- oder kulturbestimmte Wesen? Bekommen wir unsere Rolle in der Gesellschaft durch performative Sprechakte zugewiesen? “Ich erkläre euch hiermit zu Mann und Frau!”

 

- Evolutionsbiologe Kutschera vergleicht die Genderdebatte provokativ mit dem Kreationismus; Naturalisten sehen das Geschlecht v.a. als körperliche Gegebenheit, nicht als geistiges Konstrukt

 

- wenn Kinder das Sprechen anfangen, verlieren sie etwas von ihrer Persönlichkeit, geben im Prozess ihrer Vergesellschaftung ein Stück von sich auf

 

- Kinder gehen noch experimentell und eigenwillig mit Sprache um; “in der U-Bahn erlebe ich oft, wie Eltern ihren Kindern das austreiben wollen, demonstrativ und voller Stolz, was für gute Eltern sie doch seien”

 

- solange der Wortschatz der Kinder noch klein ist, nennen sie eine Laterne vielleicht “Mond”, aber oft erschließt sich auch nicht so einfach, welche Eigenschaften die mit ein und demselben Wort belegten Dinge gemeinsam haben; das hat etwas sehr Poetisches

 

-insofern sind wir alle zuerst einmal auch Poeten, vgl. ein Picasso zugeschriebenes Bonmot: "Journalist: Wann haben Sie angefangen zu malen? Picasso: Wann haben Sie aufgehört?"

 

- Saussure (Strukturalismus): Sprache als System (langue) liegt den Äußerungen der Individuen (parole) als unbewusste Struktur zugrunde

 

- Foucault (Poststrukturalismus): diese Struktur ist historisch gewachsen, Kritik an der philosophischen Annahme ihrer Universalität und Überzeitlichkeit